Der Riesengebirgsverein e. V. "Wander- und Traditionsverein" und seine Geschichte

Die Liebe zur Heimat trieb mich zum Entschlusse der Gründung des Riesengebirgsvereins" bekannte Theodor Donat, der am 1. August 1880 mit 47 Herren im schlesischen Hirschberg den Riesengebirgsverein (RGV) aus der Taufe hob. In seiner Bescheidenheit bat er, ihn nicht zum 1. Vorsitzenden zu wählen. Er begnügte sich mit dem Amt des Stellvertreters. 1. Vorsitzender wurde der Bürgermeister der Stadt Hirschberg, Bassenge. Der RGV ist damit fast einer der ältesten deutschen Wandervereine, denn von derzeit 58 im Verband Deutscher Gebirgs- und Wandervereine e.V. zusammengeschlossenen Vereine ist er der siebtälteste. Im gleichen Jahr entstand auf der Südseite des Gebirges, in Hohenelbe, der österreichische Riesengebirgsverein, was zu einer engen Zusammenarbeit auf dem Kamm des Gebirges und zu einer allzeit guten Freundschaft führte.

Ihre Ziele müssen die Gründer begeistert dargestellt haben, denn in kurzer Zeit vermehrte sich die Mitgliederzahl sehr rasch, und die Ortsgruppen schossen wie Pilze aus dem Boden. Bereits wenige Monate später, am 1.1.1881, zählte der RGV 867 Mitglieder. Die historische Höchstzahl lag bei ca. 18.000 Mitgliedern, die in 95 Ortsgruppen weitverzweigt organisiert waren, so in Hamburg, Berlin, dem Rheinland, sogar in New York. Zu den wichtigsten Aufgaben ihrer Pionierarbeit zählten:

  • Die Erschließung des Riesen- und Isergebirges sowie der angrenzenden Gebirge,
  • der Schutz der Gebirgs- und Pflanzenwelt,
  • die Weckung und Stärkung von Natur- und Heimatsinn und
  • die Pflege von Naturdenkmälern und Kunstschätzen.

Die touristischen und wissenschaftlichen Themen wurden in der Vereinszeitung "Der Wanderer im Riesengebirge" ausführlich behandelt und damit den Mitgliedern nähergebracht.

Seine erste und vordringliche Aufgabe sah der Verein darin, den Besuch des Gebirges zu ermöglichen und zu fördern. In eigener Regie trieb er Wegebau und die damit zusammenhängende Wegebezeichnung voran. Als 1892 von Hauptmann a. D. Vorwerg aus Herischdorf die Schneeschuhe eingeführt wurden, mußte die Markierung auch winterfest angelegt werden. Über 10.000 4-m-lange Stangen, teils tief im Gestein verankert, wurden aufgestellt und wiesen so dem Skiläufer den sicheren Weg. Der RGV förderte diesen Sport, indem er die Anschaffung von Skiern für die Schuljugend der Gebirgsorte finanziell unterstützte.

Die ausgedehnten Wegearbeiten wären aber nicht möglich gewesen ohne die verständnisvolle Unterstützung durch die Grundherrschaft auf der schlesischen Seite, die Reichsgrafen Schaffgotsch auf Warmbrunn.

Die Anlegung und Bezeichnung eines ca. 3.000-km-langen Wegenetzes - davon 500 km im Hochgebirge -, das von begeisterten Touristen erwandert werden konnte, war der Erfolg vieler ehrenamtlichen Helfer, die damit einen gewissen Wohlstand nicht nur den Besitzern der Gebirgsbauden, sondern vielmehr auch den Dörfern und Städten brachten.

Jubiläumsweg

Da die Schneekoppe zunächst nur über einen beschwerlichen "Zick-Zack-Weg" bestiegen werden konnte, wurde zur Feier des 25-jährigen Bestehens 1905 vom RGV ein bequemer, 2-m-breiter Rundweg auf den 1.603 m hohen Bergkegel der Öffentlichkeit übergeben, der dadurch die Bezeichnung "Jubiläumsweg" erhielt. Dieser hatte eine Länge von 1.740 m, wobei damals 1.020 m auf preußisches, 720 m auf österreichisches Terrain entfielen.

Zu den herausragendsten Ereignissen während dieser Zeit zählte zunächst die Jubiläumsfeier zum 50-jährigen Bestehen vom 14.-17. Juni 1930. Nach Gründung der Schlesischen Bergwacht im Jahre 1927 wurde der Riesengebirgsverein zum Hauptträger ihrer Arbeit bestimmt, die darin bestand, "die Pflanzen- und Tierwelt vor Zerstörung und die Landschaft und die Gewässer vor Verschmutzung und Verunstaltung zu bewahren". Ehrenamtliche Helfer durchstreiften die gefährdeten Gebiete, wobei die Schneegruben im Sommer eine ständige Naturschutzwache hatten. So dürfte der Riesengebirgsverein einer der ersten Institutionen gewesen sein, die sich für die Erhaltung der Vielfalt, Eigenart und Schönheit von Natur und Landschaft verpflichtet fühlten.
Bereits 1929 tritt der Riesengebirgsverein dem Verband Deutscher Gebirgs- und Wandervereine e. V. bei und ist bis zum heutigen Tag Mitglied.

Der 48. Deutsche Wandertag wurde vom 13.-15. Juli 1939 in Hirschberg durchgeführt. Viele der angereisten 20.000 Wanderer, besonders aus Westdeutschland, sahen bei den angebotenen Wanderungen zum ersten Mal die herrliche Gebirgslandschaft, erlebten die sprichwörtliche schlesische Gemütlichkeit und genossen die herzliche Gastfreundschaft.

Der Bergsport wurde gefördert, vor allem aber das Jugendwandern. Als die Jugendherbergen vom Herbergsverband übernommen wurden, steuerte auch der RGV 20 Häuser bei. Ein besonderes Verdienst erwarb sich der RGV durch die Errichtung eines Heimatmuseums, das u. a. einen Bestand von 4.000 Büchern der wissenschaftlichen und schöngeistigen Literatur enthielt. Auch war ein Garten mit Blumen und Kräutern des heimischen Gebirges angeschlossen.

Daß der RGV auch finanziell auf gesunden Beinen stand, beweist, daß er bei Kriegsende 1945 1,5 Mio. RM Realvermögen als juristische Person verlor.

Bis zu diesem Zeitpunkt wurde der Verein von nachstehenden Persönlichkeiten engagiert geführt:

Bürgermeister Bassenge1880 - 1889
Geheimrat u. Justizrat Dr. Hugo Seydel1899 - 1921
Oberbürgermeister Hartung1921 - 1923
Gymnasialprofessor Otto Nafe1923 - 1930
Studienrat Dr. Friedrich Lampp¹1931 - 1937
Oberbürgermeister (Hirschberg) Dr. Blümel1937
Landrat (Hirschberg) Dr. Schmiege1938 - 1940
Studienrat Dr. Lampp1940 - 1941
Regierungspräsident Bachmann1941
¹Dr. Lampp war seit 1937 "geschäftsfüh-
 render Vorsitzender" des RGV und ab 1941
 stellvertretender Vorsitzender des RGV.
 
Wiedergründung

Dann kam das Jahr 1945.

Der Riesengebirgsverein verlor sein Betreuungsgebiet und letztendlich seine Mitglieder. Sollte dies das Ende des traditions- und erfolgreichen Gebirgs- und Wandervereins sein? Schon am 8. August 1951, beim ersten deutschen Wandertag nach Kriegsende in Iserlohn, versammelten sich um den letzten Hauptschatzmeister, Alfred Höhne, etwa 20 Riesengebirgler, um den RGV wieder ins Leben zu rufen. Da die Betreuung eines Gebirges entfiel, konzentrierte sich das Tätigkeitsgebiet auf

  • das Wandern in der Gemeinschaft für jedermann,
  • Pflege der Geselligkeit und der zwischenmenschlichen Beziehungen,
  • Pflege des Heimatgedankens und Brauchtums
  • und die Förderung des Naturschutzes und Umweltbewußtseins.

Um besonders die Anfangsphase der Neugründung beratend zu begleiten, übernahm der Schwäbische Albverein in Stuttgart unter seinem damaligen Vorsitzenden Dr. Georg Fahrbach die Patenschaft, die bis zum heutigen Tage besteht. Daß dieses Angebot auch mit einer finanziellen Hilfe verbunden war, sollte dankbar erwähnt werden.

Um den Verein wieder mit Leben zu erfüllen, wurden bundesweit Ortsgruppen gegründet, die das Rückgrat des Vereins darstellen. Es begann 1952 mit einer Gruppe in Berlin, zu der sich weitere 22 gesellten. Leider gab es in einigen Orten Probleme bei der Übernahme freiwerdender Vorstandsposten, so daß die nachstehend aufgeführten Ortsgruppen im Laufe der Zeit ihre Tätigkeiten einstellen mußten: Kempten, Nürnberg, Oberhausen, Bad Harzburg und Bodenwerder. Ein engeres Zusammengehen mit dem "Schlesierverein Rübezahl" in Berlin war leider von kurzer Dauer.

Näheres über die bestehenden Ortsgruppen kann an anderer Stelle der Website entnommen werden.

Leider waren die Riesengebirgler so weit im Bundesgebiet verstreut, daß nicht überall Ortsgruppen ins Leben gerufen werden konnten. So gibt es ca. 150 treue Einzelmitglieder, die über die Vereinszeitschrift von den Aktivitäten ihres RGV erfahren, wobei sie bei den jährlichen Mitgliedertreffen und Wanderwochen gern dabei sind. Bei dieser eingeschränkten Teilnahme am Vereinsleben ist ihre Verbundenheit zum Riesengebirgsverein besonders erwähnenswert.

Ähnlich der ursprünglichen Gründung schnellte auch im Bundesgebiet die Zahl der begeisterten Mitglieder in die Höhe und erreichte durch eine engagierte Werbung eine Höchstzahl von ca. 1.900. Dem unermüdlichen Einsatz vieler ehrenamtlichen Mitglieder aus den Vorständen der Ortsgruppen ist es zu verdanken, daß der Funke der Begeisterung für das Wandern und die Geselligkeit, die oft familiären Charakter aufweist, auch auf viele Wanderfreundinnen und Wanderfreunde übersprang, für die der Riesengebirgsverein noch unbekannt war. So ist es möglich, dass man heute noch die stolze Zahl von 1.300 Mitglieder nennen kann.

Verantwortlich für die überaus positive Entwicklung seit der Neugründung 1951 sind auch die engagierten Vorsitzenden des Hauptvorstandes, die sich mit aller Kraft für den RGV eingesetzt haben. Hierbei sind zu nennen:

Alfred Höhne1951 - 1956
Wilhelm Heinze1956 - 1965
Dr. Kurt Wiemer1965 - 1985
Gerhard Kern1986 - 1995
Joachim Kopbauer1995 - 2008
Werner Adolph2008 - 2012
Horst Herrseit 01.01.2013
 
Eichendorff-Plakette

Am 23.November 1984 wurde dem Riesengebirgsverein vom Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker als Auszeichnung für die in langjährigem Wirken erworbenen besonderen Verdienste um die Pflege und Förderung des Wanderns, des Heimatgedankens und des Umweltbewußtseins die "Eichendorff-Plakette" verliehen.

Die Ortsgruppen werden bei ihrer Werbung um neue Mitglieder vom Hauptvorstand unterstützt. 1992 wurde eine umweltfreundliche Leinen-Tragetasche mit dem Vereinsemblem, dem Habmichlieb, und dem Aufdruck "Riesengebirgsverein, Wandern macht Freu(n)de" angeboten, die sich steigender Beliebtheit erfreute.

Ein ansprechendes Faltblatt mit näheren Informationen über den RGV, seine Aufgaben und Ziele, erschien 1998 und hat sich bei der persönlichen Ansprache interessierter Wanderer bestens bewährt.

Um das Zusammengehörigkeitsgefühl über die Ortsgruppen hinaus zu stärken, wurden vor einigen Jahren die bundesweit einladenden Wanderwochen angeboten, die alle ausgebucht waren. Als Ziele wurden angesteuert:

  • 2010 Riesengebirge
  • 2009 Fischland Darß
  • 2008 Rennsteig (Thüringer Wald)
  • 2007 Sauerland
  • 2006 Frankenalp
  • 2005 Sächsische Schweiz
  • 2004 Riesengebirge
  • 2003 Bayerischer Wald
  • 2002 Odenwald
  • 2001 Bayerischer-Spessart
  • 2000 Lüneburger Heide
  • 1999 Schwarzwald
  • 1998 Naturpark Rhön
  • 1997 Riesengebirge
  • 1996 Thüringer Wald
  • 1995 Riesengebirge

 

Im Zusammenhang mit den jährlich abzuhaltenden Hauptausschußsitzungen wird gleichzeitig ein Mitgliedertreffen mit anschließenden Wandertagen ausgerichtet, die sich steigender Beliebtheit erfreuen.

Das "Flagge-zeigen" ist ein ständiges Bemühen des Hauptvorstandes, und so kann er mit Genugtuung feststellen, daß bei den Deutschen Wandertagen immer eine große Abordnung, angeführt von einem Rübezahl, im Festzug mitzieht, wobei besonders die Trachtengruppe der Wanderfreunde aus Hameln Begeisterung bei den Zuschauern hervorruft.

Die jetzt gültige Satzung wurde in der Hauptausschußsitzung am 1. Juni 1996 in Hameln beschlossen und ist im Vereinsregister des Amtsgerichts Düsseldorf eingetragen mit der Überschrift:

Riesengebirgsverein e. V.
Wander- und Traditionsverein, gegründet 1880 in Hirschberg

Joachim Kopbauer
Ehem. Hauptvorsitzender des Riesengebirgsvereins e. V.