Liebe Besucher,
an dieser Stelle wollen wir Wanderfreundinnen und Wanderfreunden zu Wort kommen lassen,die an den Veranstaltungen des RGV-Görlitz als Gast teilgenommen haben.
Wanderwoche im Riesengebirge mit der Ortsgruppe Görlitz des Riesengebitgsvereins
von Hartmut Franke
Nachdem ich in den letzten Jahren die Berichte meiner Großmutter Berta Franke über ihre Wanderungen im Riesengebirge las, reifte in mir der Entschluss, selbst auf diesen Wegen einmal zu wandern. Im Internet fand ich die Seite der Ortsgruppe Görlitz des Riesengebirgsvereins mit ihrem vielseitigen Programm. Daraufhin nahm ich Kontakt auf mit dem Vorsitzenden der Ortsgruppe, Joachim Morgenstern. Er ermöglichte mir die Teilnahme an der Wanderwoche der Ortsgruppe im Riesengebirge vom 30.08. bis 05.09.2010.
Am Sonntagmorgen des 29. August ist es dann so weit, ich fahre mit der Deutschen Bahn vom Ulmer Hauptbahnhof über Fulda nach Dresden und erreiche gegen Abend den Görlitzer Hauptbahnhof. In der gebuchten Pension angekommen, wird mir mitgeteilt, dass ich am nächsten Morgen um 09:00 Uhr von einem Mitglied des Riesengebirgsvereins abgeholt werde. Mit einem kurzen Rundgang durch die eindrucksvolle Altstadt und gespannt auf die nächsten Tage beschließe ich den Tag.
Montagmorgen, 30. August. Nach dem Frühstück holt mich Wanderfreund Horst Süßenbach mit seinem Auto um 09:00 Uhr ab. Zusammen mit seiner Frau Inge fahren wir bei Zgorzelec über die Grenze nach Polen. Die Grenze selbst ist als solche nicht mehr zu erkennen. Wegen den Schäden des letzten Hochwassers kann unser Ziel, die Erlebachbaude bei Spindelmühle, nicht auf dem direkten Wege erreicht werden. Über Swieradow Zdroj - Bad Flinsberg - passieren wir auf dem Weg nach Szklarska Poreba - Schreiberhau - die bekannte Todeskurve. Nach Harrachov - Harrachsdorf - in Tschechien geht unsere Fahrt weiter durch das Tal der Iser, die sich hier durch den Felsen kämpft, nach Vrchlabi - Hohenelbe -. Wenige Kilometer danach gelangen wir über Spindelmühle zu unserem Ziel, die Erlebachbaude. Von den schon angereisten Wanderfreunden der Ortsgruppe Görlitz werden wir freundlich empfangen. Die Erlebachbaude ist ein gepflegtes Gasthaus, in der die Ortsgruppe zu Hause ist.
Dienstag, 31. August. Ich freue mich auf meine erste Wanderung im Riesengebirge, doch der Tag beginnt mit heftigem Regen. Nach dem ausgiebigen Frühstück wird in der Gruppe beraten, wie der Tag gestaltet werden soll. Man beschließt für den Nachmittag eine Wanderung über den Weißwassergrund in das Tal der Elbe. Vielleicht hört es bis dahin auf zu regnen. Als es dann los geht, regnet es nach wie vor in Strömen. Doch die Görlitzer Wanderfreunde lassen sich von diesem Wetter nicht beeindrucken, gut ausgerüstet starten wir los. Auf dem Hollmannsweg führt uns Joachim Morgenstern hinunter zum Weißwassergrund.Zunächst an dunklen regennassen Krummholz-Kiefern vorbei, dazwischen die blau aufleuchtenden Schwalbenwurzenziane. Weiter unten werden die Krummholz-Kiefern von höheren Fichten abgelöst und vor uns erscheint die Weißwassergrundbaude. Doch mit einer Rast in diesem Haus wird es nichts, die Baude ist voll. So wandern wir weiter, mit dem Regen als ständigen Begleiter, auf dem Weberweg bis zum Zusammenfluss von Weißwasser und Elbe. Das dortige Gasthaus wird umgehend aufgesucht und mit wärmenden Getränken verbessert sich die Stimmung weiter. Mit dem Bus gelangen wir wieder sicher zu Erlebachbaude und mit einem guten Abendessen und der Hoffnung auf besseres Wetter beschließen wir den Abend.
Mittwoch, 1. September. Es hat aufgehört zu regnen, Nebel liegt über allem. Nach dem Frühstück geht es um 09:00 Uhr los, Ziel Elbwasserfall bei der Elbfallbaude. Über die Mädelwiese, der Peterbaude an den Mädelsteinen und dem Mannstein vorbei gelangen wir zur Martinsbaude. Joachim Morgenstern, der die Wanderung wieder führt, gibt uns interessante Informationen: In der Peterbaude entstand das Riesengebirgslied, und in der Martinsbaude wurde die erfolgreiche Tennisspielerin Martina Navratilova geboren, die ihren Namen nach dieser Baude erhalten haben soll. Weiter geht unser Weg zur Elbfallbaude beim Elbwasserfall. Die Elbfallbaude mit ihrer Größe und dem Baustil der siebziger Jahre drängt sich dieser Landschaft richtig auf, außer einem Kiosk findet jedoch keine Nutzung mehr statt. Es scheint, ols ob die Unterhaltung dieses Gebäudes in den letzten Jahren eingestellt wurde. Horst Süßenbach ist bereit, mit mir zur Elbquelle zu laufen, die sich ungefähr einen Kilometer entfernt von der Wanderroute befindet. Unterwegs ist eine Gruppe Waldarbeiter beschäftigt, die zuwachsende Elbwiese von den Krummholz-Kiefern zu befreien. Ob da wohl eine nachfolgende Beweidung kommt? Dann stehen wir wirklich vor der eingefassten Elbquelle. In nächster Nähe der Quelle sind alle Wappen der Städte angebracht, die die Elbe auf ihrem Lauf zur Nordsee durchfließt. Ein Anziegungspunkt der Wanderer. Damit wir unsere Gruppe wieder einholen, legen wir einen Schritt zu. Hinunter geht es auf dem Zick-Zack-Weg am Elbfall vorbei, bis wir wieder bei unserer Gruppe sind. Der Weg führt weiter entlang der jungen Elbe und wird flacher. Unterwegs fallen die Flussverbauungen auf, die Spindelmühle vor Hochwasser schützen sollen. An der Bushaltestelle am Zusammenfluss von Weißwasser und Elbe besteigen wir den Bus, der uns wieder zu unserer Baude bringt.
Donnerstag, 02. September. Auch an diesem Morgen ist der Nebel wieder aufgezogen, aber es regnet nicht. Nach dem reichlichen Frühstück treffen wir uns um 09:00 Uhr, um zu der bekannten Wiesenbaude und der Geiergucke zu wandern. An der Spindlerbaude vorbei, den Kammweg bergauf, begleitet wieder von Krummholz-Kiefer-Beständen geht es in Richtung Mittagstein. Der Weg aus Gneis-,Granit- und Glimmerschiefer-Steinen unterschiedlicher Größe verlangt vom Wanderer Kondition und Trittsicherheit. Am Mittagstein angekommen, wird kurze Rast gemacht. Von hier aus soll man eine gute Sicht über das ganze Hirschberger Tal haben, doch der Nebel lässt dies heute nicht zu. Bevor wir weiterziehen, fliegen an uns einige Mehlschwalben vorbei, die an dieser Stelle den Kamm in Richtung Süden überqueren. Nach kurzer Wegstrecke kommen wir zum Standort der ehemaligen Prinz-Heinrich-Baude, diese Baude wurde 1888 im Drei-Kaiser-Jahr erbaut. Der damalige Besitzer installierte ein Telefon auf eigene Kosten und konnte damit für sich in Anspruch nehmen, das Telefon auf dem höchsten Punkt Deutschlands zu haben. Der Baude war ein verhältnismäßig kurzes Leben beschieden. 1946 brannte sie ab. Heute ist fast nichts mehr davon zu sehen. Der Weg führt nun leicht bergab, nach einigen hundert Metern verflacht sich das Gelände. Hier verlassen wir den Kammweg und biegen nach Süden ab in Richtung Wiesenbaude. Jetzt zieht der Nebel langsam ab, nur noch einige Wolkenfetzen verdecken den Gipfel der Schneekoppe, das Schlesierhaus wird frei und von der Sonne angestrahlt. Kurz vor der Wiesenbaude reißen die Wolken auf und die Sicht ist frei auf die Schneekoppe. In der mächtigen Wiesenbaude, jetziger Bau aus den 1940er Jahren, machen wir Rast. Nach einem Tee mit Becherovka und einer warmen Suppe brechen wir auf und kommen kurze Zeit später an einem Gedenkstein vorbei. Gedacht wird hier an den Wiesenbaudenwirt, der in einem Winter bei Schnee und Nebel nicht mehr zur Baude gelangte und erfror. Weiter geht es zur Geiergucke, einem Übernachtungsheim im Baustil der 90er Jahre. An der Geiergucke sollen früher Zöllner die Schmuggler abgepasst haben, daher der Name. Leicht bergab geht es an den Keilbauden vorbei, die einen verlassenen Eindruck machen. Bei leichtem Regen wandern wir weiter zur Planurbaude. Historisch hatte diese Baude Bedeutung erlangt: Hier gab es Treffen des Widerstandes gegen Hitler. Zum Abschluss der Wanderung geht es mit dem Sessellift hinunter nach Spindelmühle und mit dem Bus zurück zur Erlebachbaude. Mit unserem Wanderführer Joachim Morgenstern erleben wir eine abwechslungsreiche Runde mit Informationen zu geschichtlichen Ereignissen und landeskundlichen Gegebenheiten. Einen zünftiger Baudenabend genießen wir mit Helmut Händel, der mit Gesang und Gitarre alle begeistert.
Freitag, 03. September. Morgens 07:00 starte ich zu der lang geplanten Wanderung auf den Wegen, die meine Großmutter mit ihrer Familie in den 1920er erwanderte. Wieder vorbei an der Spindlerbaude auf dem Kammweg zum Mittagstein. Der anfängliche Nebel lichtet sich, auf einmal ist die Sonne voll da, ich habe eine herrliche Sicht auf das Hirschberger Tal, die Schneekoppe steckt noch in den Wolken. Das Hinweisschild eine halbe Stunde zu Polana ist verlockend, ich entscheide mich, diesen direkten Weg zur ehemaligen Schlingelbaude zu nehmen. Nun geht es richtig bergab über Steinblöcke und auf einem streckenweise richtig ausgewaschenem Pfad an Krummholz-Kiefern vorbei. Weiter unten wird der Weg zum richtigen Bach, die vergangene Nacht hatte es ununterbrochen geregnet. Entschädigt werde ich bei den Dreisteinen, die hell im Sonnenlicht erscheinen. In der Zwischenzeit ist die Schneekoppe frei geworden, sie hebt sich vom blauen Himmel deutlich ab. Der Ruf eines Tannenhähers unterbricht kurz die Stille. Dann komme ich an eine weite helle Wiesenfläche, hier stand einst die Schlingelbaude, heute heißt dieser Ort Polana. Von der Schlingelbaude, die meine Großmutter auf ihrer Wanderung beschrieb, ist nichts mehr zu sehen, sie brannte in den 1960er Jahren ab, jetzt ist an dieser Stelle ein Rastplatz mit Tischen und Bänken angelegt. Von den Kühen und Ziegen die damals auf der Wiesenfläche weideten ist auch nichts mehr zu sehen. An diesem Rastplatz begegnen mir heute die ersten Wanderer. Mein Weg führt mich weiter auf einer mit Granit gepflasterten Straße nach Brückenberg zur Holzstabkirche Wang. Hier finde ich alles so vor, wie im Reisebericht meiner Großmutter: Die Kirche im Innern mit ihren Tier- und Pflanzenschnitzereien, der Gang, der die Kirche umgibt und gleichzeitig eine ideale Wärmedämmung des Innenraumes darstellt, der Springbrunnen und der Brunnen für die Gräfin von Reden. Alles befindet sich in einem gepflegten Zustand, auch der ehemalige Friedhof direkt bei der Kirche. Gerne würde ich länger bleiben, doch ich habe noch eine weitere Wegstrecke vor mir. Ich laufe wieder zurück zur Polana, jetzt sind mehr Wanderer unterwegs, die alle wohl auf die Schneekoppe wollen. Mein Weg führt weiter zum Kleinen Teich mit kurzer Rast in der Kleinen Teichbaude. Beim Aufstieg zur Hampelbaude werfe ich nochmals einen Blick auf das klare Wasser des Kleinen Teiches. Weiter geht es stetig bergauf auf gut gepflastertem Weg bis auf den Hauptkamm. Die Schneekoppe vor Augen wandere ich weiter Richtung Schlesierhaus. Doch die Zeit ist so weit fortgeschritten, dass ich mich für den Rückweg entschließen muss, denn ich möchte vor Einbruch der Dunkelheit wieder in der Erlebachbaude sein. Auf dem mir nun bekannten Kammweg geht der Blick über das Hirschberger Tal und später auf den Großen Teich. Am Mittagstein vorbei erreiche ich rechtzeitig wieder die Erlebachbaude. Mit einem guten Essen beschließe ich den Abend in gemütlicher Runde mit den Görlitzer Wanderfreunden.
Samstag, 4. September. Nun ist der letzte Wandertag unserer Reise gekommen. Heute wandere ich mit der Gruppe von Horst Herr auf dem Kammweg Richtung Westen zu den Schneegruben. Das Wetter meint es gut mit uns, der anfängliche leichte Nebel löst sich bald auf. Nochmals kommen wir an der Peterbaude vorbei, die seit einiger Zeit geschlossen ist. Am Nebengebäude sind schon merkliche Schäden am Dach zu erkennen. Wir passieren wieder die Mädel- und Mannsteine und kommen an der der Großen Sturmhaube und dem Hohen Rad vorbei und stehen dann unvermittelt vor der Großen Schneegrube. Steil abfallende Felswände beherrschen das Bild, wir steigen etwas weiter runter zur Rübezahlkanzel, hier stehen wir sozusagen direkt über dem Abgrund. Von hier aus haben wir einen weiten Blick auf das Vorland. Nach einem kurzen Abstecher zur polnischen Wetterstation, früher stand hier die Schneegrubenbaude, wandern wir weiter am Elbfall vorbei zur Martinsbaude. Nach kurzer Einkehr führt uns der Weg vorbei an ehemaligen Weiden und Krummholzbeständenzur Bärengrundbaude, die verlassen aussieht. Auf dem weiteren Weg kommen wir zu den Davidsbauden, die nur teilweise bewohnt scheinen. Auf einem gut ausgelegten Holzbohlenweg am Hang entlang erreichen wir wieder unser Domizil, die Erlebachbaude. Mit dieser Wanderung fand die Wanderwoche im Riesengebirge einen guten Abschluss. Als Überraschung trat am Abend nochmals Helmut Händel mit Gesang und Gitarre auf. Von alten schlesischen Liedern über Reinhard May bis zum selbstgedichteten Lied über die Erlebachbaude gestaltete er den Abschlussabend.
Sonntag, 5. September. Gegen Morgen löst sich die Gruppe langsam auf, um die Rückfahrt Richtung Heimat anzutreten. Mit Horst und Inge Süßenbach erreiche ich wohlbehalten Görlitz. Am Nachmittag suchte ich nochmals das historische Görlitz mit seinen prägenden Gebäuden auf.
Montag, 6. September. Auch für mich ging diese Reise zu Ende. Mit der Deutschen Bahn erreiche ich am Abend wieder den Hauptbahnhof Ulm. Zurück lag eine erlebnisreiche Woche im Riesengebirge in der angenehmen und freundlichen Gemeinschaft der Wanderfreunde des Riesengebirgsvereins Görlitz. An dieser Stelle möchte ich mich deshalb beim Vorsitzenden Joachim Morgenstern und seinen Wanderfreunden herzlich bedanken.
Informationen über die Bauden habe ich u. a. aus dem Buch "Bauden im Riesengebirge" von Horst Herr entnommen. Eine empfehlenswerte Broschüre für Interessierte am Riesengebirge.